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Verständnis von Spritzgusstoleranzen und Standards

Spritzgusstoleranzen beschreiben zulässige Maßabweichungen von Bauteilmerkmalen und Gesamtabmessungen. Sie werden üblicherweise als Plus-Minus-Werte in Millimetern oder Zoll angegeben. Diese zulässige Variation hängt von Bauteilgröße, Werkstoff, Wandstärke, Werkzeugqualität und Prozesswiederholbarkeit ab.

Ein erfahrenes Team kann die Schwindung für unterschiedliche Werkstoffe abschätzen, das Endergebnis bleibt jedoch dennoch von Geometrie, Materialauswahl und Abkühlverhalten abhängig. Bei Werkstoffen mit hoher Schwindung werden Spritzgusstoleranzen schwieriger einzuhalten.

Toleranzketten im Spritzgießen

Eine Toleranzkette beschreibt, wie mehrere Bauteile trotz individueller Maßabweichungen weiterhin zusammenpassen müssen.

Beispielsweise können drei Spritzgussteile jeweils eine Bohrung innerhalb der Spezifikation aufweisen. Dennoch müssen diese Bohrungen so zueinander ausgerichtet sein, dass ein Verbindungselement durch die gesamte Baugruppe passt. Hier wird Maßabweichung von einem theoretischen zu einem funktionalen Thema.

Bei komplexen Baugruppen kann das Autodesk Moldflow TolTool helfen, Simulationsergebnisse mit realen Messdaten zu vergleichen und zu bewerten, ob Abweichungen innerhalb der zulässigen Grenzen liegen.

Arten von Spritzgusstoleranzen

Es gibt mehr als nur eine Art von Spritzgusstoleranz. Je nach Funktion und Risiko können unterschiedliche Merkmale eigene Anforderungen haben:

  • Dimensionale Toleranz: Gesamtgröße des Bauteils. Größere Teile benötigen meist größere Toleranzbereiche, da sich Schwindung über die Länge aufsummiert.
  • Geradheit oder Ebenheit: Steuert Verzug in großen ebenen Flächen.
  • Bohrungsdurchmesser: Größere Bohrungen benötigen oft größere Toleranzen, da Schwindung schwerer kontrollierbar ist.
  • Tiefenmaß von Blindbohrungen: Tiefe Kerne können sich unter Druck verformen, was die Maßhaltigkeit beeinflusst.
  • Konzentrizität oder Ovalität: Dünnwandige zylindrische Bauteile können ungleichmäßig schrumpfen und ihre Rundheit verlieren.

Standard-Spritzgusstoleranzen werden typischerweise in kommerzielle und Feintoleranzklassen unterteilt. Kommerzielle Toleranzen sind weniger streng und reduzieren Kosten. Feintoleranzen werden eingesetzt, wenn die Funktion engere Maßkontrolle erfordert, erhöhen jedoch Werkzeug- und Prozessaufwand.

Spritzgusstoleranzen nach Merkmalgröße und Werkstoff

Bauteiltoleranzen stehen in direkter Beziehung zu Werkzeugtoleranzen. Gleichzeitig müssen Werkzeugtoleranzen das Merkmal und das Materialverhalten berücksichtigen.

Die folgenden Werkstoffe dienen als Referenz: Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS), Polycarbonat (PC), High-Density-Polyethylen (HDPE), Low-Density-Polyethylen (LDPE), Polyamid (PA), Polyamid mit 30 % Glasfaseranteil (PA GF 30 %), Polymethylmethacrylat (PMMA), Polyoxymethylen (POM), Polypropylen (PP), Styrol-Acrylnitril-Copolymer (SAN). Dimensionale Toleranzen

Dimensional Tolerances

TypeToleranzenFeintoleranzen
Feature size:1-20 mm21-100 mm101-160 mmFor every 20 mm over 1601-20 mm21-100 mm
ABS0.1000.1500.3250.0800.0500.100
ABS/PC
HDPE0.1250.1700.3750.1000.0750.110
LDPE
PA0.0750.1600.3100.800.0300.130
PA GF 30%0.0600.1200.2400.0800.0300.100
PC
PMMA0.0750.1200.2500.0800.0500.070
POM0.0750.01600.3100.0800.0300.130
PP0.1250.1700.3750.1000.0750.110
SAN0.1000.1500.3250.800.500.100

Ein kleines Bauteilmerkmal kann enger toleriert werden als ein größerer Bereich, da die Maßabweichung mit zunehmender Formteillänge bzw. Fließweg im Spritzgießprozess zunimmt.

Geradheits- und Ebenheitstoleranzen

TypeCommercial ToleranceFine Tolerance
Feature size:0-100 mm101-160 mm0-100 mm101-160 mm
ABS0.3800.8000.2500.500
ABS/PC
PA0.3000.5000.1500.250
PA GF 30%0.1500.2000.0800.100
PC
POM0.3000.5000.1500.250
PP0.8501.5000.5000.850
SAN0.3800.8000.2500.500

Ebenheit wird stark durch das Abkühlgleichgewicht und die Wandstärke beeinflusst. Ein Bauteil kann zwar lokale Maßvorgaben einhalten, jedoch die Ebenheit dennoch verfehlen, wenn es sich nach dem Entformen aufgrund von Verzug verformt.

Bohrungsdurchmessertoleranzen

TypeCommercial ToleranceFine Tolerance
Feature Size0.33.1-66.1-1414-400.33.1-66.1-1414-40
ABS0.0500.0500.0800.1000.0300.0300.0500.050
ABS/PC
HDPE0.0500.0800.01000.1500.0300.0500.0500.080
LDPE
PA0.0500.0800.0800.1300.0300.0400.0500.080
PA GF 30%0.0500.0500.0800.0800.0300.0400.0500.050
PC0.0500.0500.0800.0800.0300.0400.0500.050
PMMA0.0800.0800.1000.1300.0300.0500.0500.080
POM0.0500.0800.0800.1300.0300.0400.0500.080
PP0.0500.0800.1000.1500.0300.0500.0500.080
SAN0.0500.0500.0800.1000.0300.0300.0500.050

Bohrungsmaße hängen vom Durchmesser, der Stabilität des Kerns sowie der Schwindung des Werkstoffs ab. Blindbohrungen sind oft schwieriger einzuhalten, da längere Kernstifte sich unter dem Einspritzdruck verformen oder verschieben können.

Einfluss des Werkstoffs auf Spritzgusstoleranzen

Spritzgusstoleranzen hängen stark von den Eigenschaften des eingesetzten Werkstoffs ab. Schwindung, Fließverhalten, Abkühlgeschwindigkeit, Additive und thermische Ausdehnung beeinflussen die Maßgenauigkeit eines Bauteils erheblich. Werkstoffe wie ABS, PP, PC, Nylon und glasfaserverstärkte Materialien verhalten sich im Werkzeug unterschiedlich.

Die Schwindungsrate ist dabei besonders entscheidend. ABS kann beispielsweise deutlich geringer schrumpfen als Polypropylen, sodass ein nachträglicher Materialwechsel nach Werkzeugauslegung dazu führen kann, dass das Bauteil außerhalb der geforderten Toleranzen liegt. Glasfaserverstärkte Kunststoffe zeigen häufig eine geringere Schwindung in Fließrichtung, können jedoch quer zur Fließrichtung ein anderes Verhalten aufweisen.

Die Werkstoffauswahl sollte zudem die Einsatzbedingungen berücksichtigen. Ein Kunststoff kann zwar bei Raumtemperatur die Zeichnung erfüllen, sich jedoch im späteren Einsatz durch Temperatur- oder Umgebungsbedingungen maßlich verändern. Für eng tolerierte Spritzgussanwendungen müssen daher Schwindung, thermische Ausdehnung, Steifigkeit und die zu erwartende Betriebstemperatur gemeinsam bewertet werden.

Bauteilschwindung und Toleranzen

Um die Schwindung während der Abkühlung zu kompensieren, wird das Bauteil auf Nennmaß ausgelegt und die Kavität entsprechend der erwarteten Schwindungsrate skaliert. Die Spritzgießsimulation hilft dabei, diese Annahme bereits vor Werkzeugkorrekturen zu überprüfen.

Die Schwindung kann nach einer ASTM D955-ähnlichen Methode berechnet werden:

Schwindungsrate = 100 % × (Lc − Lp) / Lp

Dabei steht Lc für die Kavitätenlänge und Lp für die Bauteillänge nach der Abkühlung. Bei faserverstärkten Materialien kann das Ergebnis richtungsabhängig variieren, da das Materialverhalten nicht immer isotrop ist.

Typische Schwindungswerte

MaterialSchwindungsbereich [%]
ABS0.7-1.6
PC/ABS0.5-0.7
Acetal/POM (Delrin®)1.8-2.5
ASA0.4-0.7
HDPE1.5-4
HIPS0.2-0.8
LDPE2-4
Nylon 6/60.7-3
Nylon 6/6 Glass Filled 30%0.5-0.5
PBT0.5-2.2
PBT Glass Filled 30%0.2-1
PEEK1.2-1.5
PEEK Glass Filled 30%0.4-0.8
PEI (Ultem®)0.7-0.8
PMMA (Acrylic)0.2-0.8
PC0.7-1
PC Glass Filled (20-40%)0.1-0.3
Polyethylene Glass Field0.2-0.6
Polypropylene Homopolymer1-3
Polypropylene Copolymer2-3
PPA0.5-2.2
PPO0.5-0.7
PPS0.6-1.4
Rigid PVC0.1-0.6
SAN (AS)0.3-0.7
TPE0.5-2.5
TPU0.4-1.4

Diese Werte dienen als allgemeine Richtwerte. Für typische Spritzgusstoleranzen sollten die tatsächlichen Datenblätter des jeweiligen Werkstoffs herangezogen und die konkreten Spritzgussbedingungen berücksichtigt werden.

Moldflow-Analyse

Bei komplexen Geometrien ist die Moldflow-Analyse eine der besten Methoden zur Abschätzung der Schwindung. Die Simulation zeigt, wie der Werkstoff die Kavität füllt, wo Druckverluste auftreten und wo die Kühlung lokale Verformungen verursachen kann.

Die Simulation kann zudem die Schwindungsvariation über das gesamte Bauteil darstellen. Dadurch können Ingenieure bereits vor kostenintensiven Werkzeugänderungen überprüfen, ob das fertige Spritzgussteil die Zeichnungstoleranzen einhalten kann.

Auslegung für die Spritzbarkeit: Bauteilabmessungen

Die Spritzbarkeit sollte frühzeitig bewertet werden. Eine DFM-Analyse (Design for Manufacturing) prüft, ob Geometrie, Entformungsschrägen, Wandstärken und Rippen eine stabile Produktion unterstützen.

Die Wandstärke ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Maßgenauigkeit. Dicke Bereiche kühlen langsamer ab und können Einfallstellen verursachen. Ungleichmäßige Wandstärken führen zu unterschiedlichen Abkühlraten, was Verzug und inhomogene Schwindung erzeugen kann. Eine konstante Wandstärke verbessert daher die Maßstabilität deutlich.

Auch die Entformungsschräge beeinflusst die Maße. Ist die Entformungsschräge zu gering, muss die Geometrie unter Umständen vor dem Spritzguss angepasst werden. Ein typischer Richtwert liegt bei 1 bis 2 Grad, abhängig von Werkstoff, Oberflächenstruktur und Werkzeugaufbau.

Beste Methoden zur Optimierung von Spritzgusstoleranzen

Die besten Ergebnisse entstehen durch frühe Analyse, stabile Prozessführung und realistische Spezifikationen. Prozessoptimierung verbindet die CAD-Auslegung mit der real erreichbaren Fertigungsfähigkeit.

Design for Manufacturability (DFM)

DFM bewertet Bauteilkomplexität, Hinterschneidungen, Fließwege und Füllverhalten, bevor das Werkzeug gebaut wird. Komplexe Geometrien erfordern häufig eine detailliertere Analyse, um Schwindung, Verzug und Probleme bei Spritzgusstoleranzen zu vermeiden.

Trennebenenversatz

Trennebenenversatz kann Stufen, Gratbildung oder lokale Maßabweichungen verursachen. Besonders kritisch ist dies, wenn Funktionsmerkmale nahe der Trennebene liegen. Angussbereiche, Passflächen und Verschleißzonen sollten frühzeitig geprüft werden.

Materialauswahl

Das Material sollte bereits in der DFM- und Werkzeugplanungsphase festgelegt werden, nicht erst nachträglich. Dabei sind Datenblätter, Schwindungswerte, thermische Ausdehnung, mechanische Anforderungen sowie die Frage nach kommerziellen oder engen Toleranzklassen zu berücksichtigen.

Prozessparameter

Einspritzdruck, Nachdruck, Werkzeug- und Schmelzetemperatur, Füllzeit, Kühlzeit sowie die Viskosität des Werkstoffs beeinflussen die Spritzgusstoleranzen in der Produktion erheblich. Diese Parameter sollten vor der Serienfreigabe gegen die Zielwerte validiert werden.

Werkzeugkonstruktion

Spritzgießwerkzeuge werden häufig leicht überdimensioniert, um die Schwindung zu kompensieren. Daher ist die Materialauswahl früh entscheidend. Ein-Kavitäten-Werkzeuge lassen sich einfacher kontrollieren, während Mehrkavitäten- und Familienwerkzeuge eine sehr gleichmäßige Kühlung, balancierte Kavitäten und stabile Anschnittpositionen benötigen. Ungleichmäßige Kühlung kann zu systematischen Maßabweichungen zwischen Kavitäten führen, insbesondere bei engen Spritzgusstoleranzen.

Wiederholbare Prozesskontrolle

Sensorik, Monitoring und standardisierte Einstellblätter helfen, den Prozess stabil zu halten. Echtzeitüberwachung ermöglicht es, auf Druck- oder Temperaturdrift zu reagieren. Für enge Toleranzen sollten Bauteile zudem unter definierten Umgebungsbedingungen gemessen werden, da Kunststoffe ihre Abmessungen temperaturabhängig verändern können.

Wann mit Spritzgießexperten für Toleranzen zusammenarbeiten

Nicht jedes Maß erfordert eine enge Kontrolle. Experten für Autodesk Moldflow können dabei helfen, kritische Funktionsmerkmale zu definieren, nicht-funktionale Maße zu lockern und unnötige Kosten zu reduzieren.

Eine fachliche Bewertung stellt sicher, dass Spritzgusstoleranzen mit realer Bauteilfunktion, Werkzeugkosten und Prozessstabilität in Einklang gebracht werden.

FAQ

Welche Toleranzen gelten für das Spritzgießen?

Spritzgusstoleranzen sind die zulässigen Maßgrenzen für Merkmale eines spritzgegossenen Bauteils. Die Werte hängen von Bauteilgröße, Werkstoff, Qualitätsanforderung und Prozessstabilität ab.

Welche Spritzgusstoleranzen müssen spezifiziert werden?

Dimensionale Toleranzen, Geradheits- oder Ebenheitstoleranzen, Bohrungsdurchmessertoleranzen, Toleranzen für Blindbohrungen sowie Konzentrizitäts- bzw. Ovalitätstoleranzen, sofern sie die Funktion beeinflussen.

Wie beeinflusst das Werkzeug Spritzgusstoleranzen?

Die Werkzeugqualität beeinflusst Kühlung, Schwindung, Anschnittbalance und Wiederholgenauigkeit. Bessere Werkzeuge erhöhen die Stabilität und ermöglichen engere Maßkontrolle.

Wie beeinflussen Bauteilgröße und Wandstärke die Toleranz?

Größere Bauteile benötigen in der Regel größere Toleranzbereiche. Ungleichmäßige Wandstärken erhöhen Schwindungsschwankungen, Verzug und das Messrisiko.

Was ist die ISO-Norm für Spritzgusstoleranzen?

ISO 20457:2018 ist die zentrale Norm für Toleranzen von Kunststoffspritzgussteilen. Sie definiert Fertigungstoleranzen und unterstützt die Abstimmung zwischen Lieferanten und Kunden.

Welche 4 Toleranzarten gibt es?

Die wichtigsten Arten sind einseitige, beidseitige, Grenz- und geometrische Toleranzen. Bei spritzgegossenen Bauteilen werden sie je nach Funktion und Prüfanforderung angewendet.

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